„Wir hatten es uns mit mehr Liebe gedacht!“

 

68 aus der Sicht der Frauen

 

von Ruth E. Westerwelle

 

Diesem Beitrag liegt eine langjährige Forschung zu diesem Thema sowie Interviews der Autorin mit mehr als hundert Frauen und so manchen Männer zugrunde. Dieses Interviewprojekt mündete in der Ausstellung „Die Frauen der APO – die weibliche Seite von 68“ und in der künstlerisch-visuellen Erarbeitung der 68er-Geschichte aus weiblicher Sicht mit vielen Zitaten der beteiligten Frauen unter dem Titel „Wir hatten es uns mit mehr Liebe gedacht!“

 

50 Jahre „68“? So’n Opa-Kram, mischte sich ein junger Mann ein, als ich am Eingang eines Kulturzentrums, wo ich an diesem Abend einen Vortrag zum Thema halten sollte, von den Veranstalterinnen begrüßt wurde. Ich grinste ihn an. Ja genau, Opa-Kram brauchen wir so gar nicht. Aber was weißt du denn über die coolen Omas? Hä? Er guckte mich an, als hätte er noch nie was von Omas gehört. Solche Wesen hatte er offensichtlich so gar nicht auf dem Schirm seiner Intelligenz. Was hatten die mit diesem „68“ zu tun? Ich spürte seine inneren Bilder: die weise, gütige Großmutter mit weißem Dutt, vermischt mit der allzeit fitten, jungen Omma der Werbung. Und mit einer kurzen abfälligen Handbewegung fegte er obercool alles weg. Ach so, Weiberkram!

 

Ach wär es doch nur „Weiberkram“. Aber „Weiberkram“ ist eben immer zugleich Gesellschaftskram, politischer Kram, und es ist der Kram, der verfälscht in Geschichtsbüchern steht. Der so viel mehr zu bieten hat an Themen, an Weisheiten, an Warnungen, an Aktionsformen, an Klugem und Dummen, eben an vielfältig gelebten Erfahrungen, als bisher bekannt. Und ich finde, das alles sollten wir uns nun heute mal anders angucken, anders denken. Und vor allem: Gegen den männlichen Strich, „den Opa-Kram“ bürsten.

 

Also hielt ich vergnügt an diesem Abend wieder mal meinen Vortrag. Mit Genuss zeigte ich meine sensiblen s/w-Porträts der Altvorderen. Noch nie gab es eine Porträtserie zu alten Frauen, die sie in ihrer individuellen Würde und Vielfalt zeigt. Nicht als „Alte“, meist verniedlichend und grammatikalisch falsch „Ältere“ genannt. Auch nicht als „junge Alte“, nicht als „prominente Alte“; sondern als Frauen, die in ihren jungen Jahren aktiv wurden und damit nachhaltig – meistens zusammen mit den Jungs – die Gesellschaft veränderten und was fortan ihr ganz eigenes Leben prägte. Diesen Porträts stellte ich historische Bilder gegenüber, die die Frauen im damaligen Geschehen zeigten. Und schuf so den Bogen eines langen, gelebten Lebens. Sooo spannend!

 

Bei meiner anfänglichen Recherche zum Thema, die Frauen der APO auszugraben, sichtete ich auch das Fotoarchiv eines Springer-Fotografen. Man merkte ihm seine Zerrissenheit zum Thema an: Einerseits war er auf seine fotografischen Schätze stolz, es schmeichelte ihm offenbar, dass ich so ein großes Interesse daran hatte. Andrerseits brach der alte Hass hervor: „Wir haben damals doch gedacht, dieser Spuk geht bald wieder vorbei!“ In seiner Stimme schwang immer noch Empörung mit. Über seine Fehleinschätzung oder über das damalige Geschehen? Oder alles? Höflich lächelte ich ihn an, Pech gehabt.

 

Ja, dieser Spuk wäre bald vorbei gewesen, hätte er nicht diese enorme Breitenwirkung erreicht, die in der Folge, wie in vielen anderen Ländern, auch die Bundesrepublik veränderte. Wäre es in West-Deutschland bei den Protesten der Studenten geblieben, wäre dies höchstens eine Fußnote in der Geschichte geworden. Auch die meist lustigen, dadaistischen Aktionen der K1 wären über Happening-Anekdoten wahrscheinlich nicht groß hinausgekommen. Aber alles änderte sich, als der kriegsgestählte Waffennarr in Uniform den weichen, dichtenden Softie in Jesuslatschen erschoss. Kurras vs. Ohnesorg. Das nunmehr gestrige Patriarchat (naja) erschießt den neuen Mann (nochmal naja). Alte Generation erschießt junge Generation. Kriegstrauma vernichtet neue unverbrauchte Hoffnung. Ich bin sicher, damals machte sich niemand solche Gedanken. Vielmehr erinnerte diese Tat an die jüngste Vergangenheit. Der menschenverachtende Faschismus, der Krieg mit all seinen Gräuel von Tod, Vertreibung und Vergewaltigungen war erst gut zwanzig Jahre vorbei, die ersten harten Jahre des Wiederaufbaus geschafft. Die meisten, die damals auf die Straße gingen, und die, die das Geschehen am Bildschirm und in der Zeitung serviert bekamen, waren davon geprägt. Und niemand wollte diese Zeit zurück! Sei es, um zu vergessen oder sei es, um eine neue Welt zu bauen. Und plötzlich erschienen die Forderungen der Demonstrierenden in einem anderen Licht. Faszinierend, wie rhizomartig sich fortan die Forderungen, die Aktionen, die Parolen in das Leben aller ausbreitete. Bei manchen dauerte es noch ein paar Jahre, an anderen ging es sogar fast unbeleckt vorbei, ja auch so was gab es. Aber die meisten erlebten in der Folgezeit ihr ganz individuelles „68“, und so veränderte sich die Welt.

 

Und das ist es, was es auch heute so spannend macht. Diese Entdeckung in der Vielfalt der Individualität, der Kultur, der Politik, der Lebensformen, der Wirtschaft, der Werte einer Gesellschaft und nicht zuletzt deren Politik macht es sinnvoll, heute noch mal genauer hinzuschauen und es – hoffentlich – dem Lackmustest der heutigen Generation zu unterziehen.

Leider haben die ehemaligen Studierenden mit ihrer Studentenbewegung die Oberhoheit über die „68“er-Definition. Sie haben ihre neuen Mythen gebastelt, ihre eigene Beweihräucherung geschrieben. Damals wollten sie die Gesellschaft von dem „Muff unter den Talaren“ befreien. Und merken gar nicht, wie sehr manche von ihnen heute selber müffeln. Frischer Wind muss her! Und das bitte nicht von den Rechten, die haben sehr schnell manche Sprüche und Aktionsformen okkupiert. Das können wir nur mit einer neuen – ganz unromantischen – Rückeroberung kontern. Wie? Nur zehn Jahre danach warnte Sigrid Fronius in einem Stern-Interview 1978 ihre ehemaligen Genossen, wenn sie nicht das Niveau der Frauenbewegung erreichen, könnten sie bald einpacken. Die Geschichte gab ihr Recht, leider nicht die Geschichtsschreibung.

 

Also: Schauen wir uns die Frauen an. Frauen brechen gemeinhin all die großen Worte und Taten auf das reale Maß herunter. Was ist machbar, Frau Nachbar? Als die Jungs sich aufmachten, selbst und sofort die Weltrevolution zu schaffen und dafür die Frauen kurzerhand zum Nebenwiderspruch erklärten, nur um sich nicht um deren „Kram“ wie Kindererziehung, den weiblichen Orgasmus oder gar Liebe zu kümmern, schufen die Frauen die Frauenbewegung. Mit Kinderläden, Gesprächsgruppen und aktiven Zirkeln zu allen möglichen praktischen und theoretischen Themen. Nach dem Sommer der heißen Liebe, folgte der lange Winter der alleinerziehenden Mütter. Die Jungs hatten angeblich den Mumm, die Welt zu verändern, aber viele von ihnen sahen sich außerstande die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Wer findet den Fehler? Natürlich die Frauen.

 

Vertreiben wir heute den Muff der „68“er! Wenden wir uns mit kritischer Neugier den Lebensgeschichten der Frauen zu. Sie bergen so viel Potenzial, sie zeigen Geschichte. Gelebte Geschichte, spannende Lebensläufe, fantasie- und kraftvolle Berufswege. Aber auch manches Scheitern. Man muss sich klar machen, dass viele der damals aktiven Frauen mit dem Rücken zur Wand standen. Sie hatten wenige weibliche Vorbilder. Das Wissen um eine erste Frauenbewegung und die coolen Frauen in Berlin vor der Nazizeit wurde erst in den 70er, 80er Jahren von Studentinnen ausgegraben. Revolutionärinnen, vielleicht mit der Ausnahme von Rosa Luxemburg, waren auch weitestgehend unbekannt. In Ermangelung dessen rannten alle in den Film „Viva Maria“, in dem Jeanne Moreau und Brigitte Bardot Revolutionärinnen in Korsage mimten. Zumindest die Männer ließen sich davon inspirieren. Gleichzeitig übernahmen die Frauen selbstverständlich männliche Vorbilder. Und trauten sich erst mal auch alles zu: Problem erkannt – Problem gebannt. Oder wenn nicht, dann sagten sie es zumindest nicht. Das immerhin hatten sie mit vielen Männern gemein. Später sah ich hier eine Parallele zur DDR-Geschichte. Kurz nach der Wende erlebte ich „im Osten“ faszinierende, souveräne Frauen in allen Positionen der Wirtschaft und Gesellschaft. Die meisten kamen gar nicht auf die Idee, sie seien nicht gleichberechtigt. Selbstverständlich ordneten sie an ihrem Arbeitsplatz an, delegierten Aufgaben, sahen sich mit den Männern (mindestens) auf Augenhöhe. Aber auch hier gerieten sie kurze Zeit, nachdem sie als Volk „dem Westen“ Tür und Tor aufgemacht hatten, zum Nebenwiderspruch. Jobs bekamen, wenn überhaupt, die Männer, die Frauen wurden in Vorruhestand, in ABM oder einfach so nach Hause geschickt. Das Leben hat Methode!

 

Bei den „68“erinnen im Westen kam damals erschwerend hinzu, dass sie in dieser Zeit auch mit den tradierten Rollen brachen, oft in Streit mit oder gar in (finanzielle) Ungnade in ihren Familien fielen. Sex vor der Ehe, gar noch mit wechselnden Bett„genossen“, uneheliches Kind, manchmal den Abbruch des Studiums oder Lehre, Tramp-Reisen nach Indien, Südamerika oder sonst wohin, Kif, Verweigerung von Karriere. Die Elterngeneration hatte genügend Gründe, sich Sorgen zu machen. Was den Jungs als „Hörner abstoßen“ gewährt wurde, machte große Angst um die Töchter. Doch die scherten sich nicht groß darum. Und wie wir heute sehen, ist dennoch was ganz Gescheites aus ihnen geworden!

 

Eine weitere Schwierigkeit, mit denen die Frauen damals zu kämpfen hatten, waren die lieben Genossen. Die Jungs verweigerten den Mädels die Literatur. Dazu muss man wissen, es gab kaum Literatur – auch hier hatte die Nazizeit gründlich ausgemerzt und verbrannt. Aber einige reisten nach Amsterdam und Prag, holten die Bücher der Exilanten zurück. Diese kursierten dann als Einzelexemplare, hektographiert, oder gingen als Raubdrucke von Hand zu Hand. Hier bekam der Spruch „Wissen ist Macht“ eine ganz reale Komponente. Frauen sollten (Flugblätter) tippen, nicht lesen. Wen verwundert es da, dass es gerade Frauen waren, die die ersten Buchläden gründeten. Ihre Antwort. Danke Katharina Wolff, Karin Röhrbein, Karin Dehnbostel u. v. a. Dennoch sehen wir heute in den Geschichtsbüchern und den derzeit laufenden Berichten in den Medien zu „50 Jahre 68“, was Victor Margueritte bereits 1922 formulierte „Wer die Macht hat, behält auch letzten Endes das Recht.“ „68“ aus der Sicht der Frauen kommt nicht vor!

 

Dieses ominöse „68“ hat viele verkrustete Strukturen aufgebrochen, Dinge, die heute selbstverständlich sind, wurden in dieser Zeit erstritten. Möglich wurde das alles, weil junge Leute aufbegehrten, auf die Straße gingen, im Studium, am Arbeitsplatz oder in Beziehungen die Ideen aufgriffen, Diskussionen anzettelten oder persönliche Konsequenzen zogen. Das erforderte zwar durchaus persönlichen Mut, wurde aber auch vom faszinierenden, inspirierenden Zeitgeist getragen. Eine große Solidarität stärkte allen den Rücken. Manches davon dümpelt heute gehaltvoll, aber unerwähnt in der Mainstreamsuppe. Das ist gut und sollte auch noch mal benannt und gewürdigt werden. Aber wir sollten heute unter aufgeklärten Aspekten auch die Schattenseiten noch mal überdenken, damit sie uns nicht von den Populisten von rechts gestohlen werden. Machen wir uns doch gemeinsam noch mal die Mühe, Werte und Visionen unserer Gesellschaft positiv und nachhaltig zu benennen.

 

Behaupten doch manche Ignoranten, eine gewisse Verrohung der Gesellschaft ginge nicht zuletzt auf das Konto der „68“er. Schauen wir mal. Nun, die vehemente Ablehnung des damaligen Spießertums führt bis heute teilweise zu einer totalen Respektlosigkeit im Verhalten und der Kommunikation. Blöd, irgendwie ist da bei der Vermittlung der antiautoritären Idee etwas schief gelaufen (Die Rache des Establishments?). War es damals auch durchaus sinnvoll, überholte, manche noch bräunlich schimmernde Autoritäten infrage zu stellen, jegliche Formen des Kadavergehorsams zu verweigern; so war jedoch klar, dass dies im Umkehrschluss nur mit Eigenverantwortung und Bildung einher gehen kann. Ist doch logisch, wer den vorgegebenen Wegen nicht folgen will, muss eben die Verantwortung selber übernehmen. Doch diese Seite der Medaille ist irgendwie in der öffentlichen Wahrnehmung verlustig gegangen. Es hat sich die Meinung über „68“ erhalten, man sei nur gegen was. Man brauche rein gar nix mehr zu akzeptieren. Nieder mit allen Werten! Genau das wurde mir in einem Gespräch von einer Bekannten vorgeworfen: „Ihr“ wart doch gegen Autoritäten, „ihr“ habt doch die alten Werte niedergerissen! Aus leidvoller Erfahrung weiß ich, wenn ich in der dritten Person angesprochen werde, ist das Gegenteil von Hochachtung gemeint. Geduldig erklärte ich auch hier die andere Seite der Medaille. Davon hätte sie ja noch nie gehört, empörte sie sich, mit einem Unterton, der mich der Lüge bezichtigte.

 

Tja, und daran krankt die Gesellschaft heute. Verantwortung will kaum jemand übernehmen oder sich aktiv beteiligen, aber gegen alles und jeden zu sein, gilt oftmals als cool. Sorry Leute, das hat nix mit dem zu tun, was „68“ gefordert wurde! Gerade die Zeiten der direkten Kommunikation im Internet zeigen den missverstandenen Werteverlust. Manche verwechseln dies gar mit direkter Demokratie. Demokratie bedeutet aber die aktive Beteiligung und die respektvolle Berücksichtigung aller in der Gesellschaft. Gerotze per „Nickname“, englisch aufgehübscht zu „Shitstorm“, ist aber nichts als Gosse! Genauso wie die die Losung „Im Internet ist alles erlaubt“, Respekt vor Persönlichkeitsrecht, Akzeptanz von UrheberInnenrecht – perdü! Ich finde, die Linken müssen mal wieder einen Wertekanon formulieren; und dazu kann es helfen, sich „68“ genauer anzuschauen. Über die realen Geschichten der beteiligten Frauen! Hören wir ihnen zu. Öffnen wir diese Büchse der Pandora, bewerten wir deren Inhalt neu.

 

Was sich allerdings ehrbar erhalten hat, ist die internationale Solidarität. Der außerparlamentarischen Opposition, der APO, war immer auch der internationale Kontext wichtig. Voneinander zu lernen und unterdrückten Nationen und Individuen beizustehen. Der Vietnamkrieg, in dem die USA mit Agent Orange gegen die Bevölkerung vorging und vor laufenden Kameras andere Gräueltaten begingen, war der zweite wichtige Grund, sich damals zu engagieren. Bis heute gehört es zur Mehrheit in unserer Gesellschaft, sich bei internationalen Brandherden, wie in Afrika oder im Nahen Osten, sensibel eine solidarische Meinung zu bilden oder sich gar persönlich bei der Hilfe für Geflüchteten zu engagieren. Christliche Werte wie Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit finden wir ganz großgeschrieben bei den Helfenden im Mittelmeer, und in vielen Umfragen bekommen sie die nötige Rückendeckung der Bevölkerung. Immer noch die Mehrheit in unserer Gesellschaft! Wohingegen die C-Parteien alles tun, um dies vehement ganz und gar unchristlich zu vermeiden. Manchen erscheint dies als verkehrte Welt. Nein, neben der Frauenbewegung und den damit veränderten Geschlechterrollen ist dieser positive Wertekanon sicher der nachhaltigste Erfolg der 68er-Zeit! Auch wenn es dafür ein diffamierender Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat: die „Gutmenschen“.

 

In meiner umfangreichen Arbeit „68“ aus der Sicht der beteiligten Frauen („Wir hatten es uns mit mehr Liebe gedacht!“) zeige ich in einem visuellen Kapitel, dass sich die Jungs schon damals Jesus-gleich gerierten. Vielleicht nicht ganz ernst gemeint, aber sicher auch nicht nur albern. Auch wenn es aus heutiger Sicht so wirkt, egal. Wirklich wichtig dagegen, dass es heute so vielen Menschen nicht gleichgültig ist, dass immer wieder Menschen auf der Flucht im Meer sterben.

 

Ein weiteres nachhaltiges Thema, welches damals populär wurde, ist die sexuelle Befreiung. Die sexuelle Freizügigkeit hat die Bigotterie der Nachkriegsgesellschaft beerdigt. Und die Frauen entdeckten ihre ganz eigene Sexualität und Lust. Sie genossen es, begehrt zu werden und zu begehren. Aber die persönlichen Grenzen wurden dabei nicht geachtet.

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Die Keule mit dem Spießertum saß. Die Verbannung, die Ächtung als Spießerin und somit der Ausschluss von allem drohte – den Frauen. Es gab nicht den Spruch: „Wer zweimal mit demselben pennt …“ Aber das wollten die Frauen den Jungs ja auch gar nicht nachmachen. „Das geht doch gar nicht, mit allen pennen!“, meinten viele der von mir Interviewten. Natürlich luden auch sie gerne die Jungs oder Mädels, die sie mochten, auf ihre Matratzen ein. Prüde waren sie nicht! Aber viele gingen hierbei über ihre emotionalen Grenzen. Fast alle Frauen, mit denen ich sprach, hatten seelische Narben aufgrund ihrer sexuellen und zwischenmenschlichen Erfahrungen in dieser Zeit. Wie MarieLuise Fleisser bereits in den 1920erJahren formulierte: „Das waren die Fröste der Freiheit, sie mußte(n) lernen zu frieren!“ Auch das Leben in dieser Kälte wurde bislang weitestgehend in der patriarchalen Geschichtsschreibung gedeckelt. Ich sag ja, es müffelt. Besonders tragisch und tabuisiert sind die sexuellen Handlungen an und mit Kindern. Viele Frauen berichteten mir darüber. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Also schweige ich. Solange die Opfer nicht reden wollen, tue ich es auch nicht. Aber da sind noch einige Rechnungen offen!

Nehmen wir also diese Rückschau zum Anlass, neu darauf zu schauen. Und da dies 49 Jahre so gut wie gar nicht getan wurde, schauen wir doch bitte endlich auf die Geschichte der Frauen. Weg von dem „Opa-Kram“! Nicht nur die Frauen wissen, dass ihre Wirklichkeit eine andere ist als die veröffentlichte! Keine Romantizismen, keine (Selbst-)Beweihräucherung, sondern Neugier auf gelebtes Leben und spannende Menschen. Das der Frauen. Voila.

 

Zur Autorin

Ruth E. Westerwelle ist Fotografin, Dozentin, Autorin, Kuratorin in Berlin und überall. Zurzeit tourt sie mit künstlerisch-visuellen Vorträgen mit vielen Zitaten der beteiligten Frauen unter dem Titel „Wir hatten es uns mit mehr Liebe gedacht!“ sowie mit der Ausstellung „Die Frauen der APO – die weibliche Seite von 68“ durch die Lande. Siehe dazu: http://ruthwesterwelle.de/FrauenderAPO.html sowie www.berlinerfotosalon.de/aktuelles-rew

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